Panicum - Sichtung

Panicum-Sichtung

Informationen zur Sichtung

Mit der Aufpflanzung handelsüblicher Sorten von Panicum virgatum zur Überprüfung ihrer Sortenechtheit im Sichtungsgarten Weihenstephan begann 2010 die Sichtung des Sortiments der Rutenhirsen. Nach Vermehrung sortenechter Pflanzen durch die Gärtnerei Zillmer wurden diese an den Sichtungsstandorten in Dresden, Nürtingen, Osnabrück, Wädenswil, Weihenstephan und Weinheim aufgepflanzt und von 2012 bis 2015 auf ihren Gartenwert beurteilt. Die wichtigsten Bewertungskriterien waren Standfestigkeit, Blüten- und Blattschmuckwirkung, Widerstandsfähigkeit gegen Krankheiten und Schädlinge sowie der Gesamteindruck der Pflanzen. Ferner wurden die Vitalität der Sorten sowie deren Überwinterungsverhalten begutachtet. Anlässlich seiner jährlichen Koordinierungssitzung konnte der Arbeitskreis Staudensichtung im September 2015 in Heidelberg dreizehn Sorten abschließend bewerten. Weitere Sorten, die erst vor kurzem eingeführt worden sind oder ursprünglich nicht sortenecht bezogen worden konnten, werden derzeit noch geprüft.

Informationen zur Pflanzengruppe

Zahlreiche Ökotypen

Panicum virgatum zeigt ein riesiges Verbreitungsgebiet: In Nordamerika kommt die Art im südlichen Kanada von Saskatschewan bis Nova Scotia und in den gesamten USA östlich der Rocky Mountains natürlich vor. Südlich erstreckt sich ihr Areal bis nach Mexiko und die Westindischen Inseln. Die Rutenhirse ist also in semi-humiden wie semi-ariden Klimabereichen vertreten. Sie kommt in Hochgrasprärien des mittleren Westens der USA sowie den südöstlichen Prärien (SO-Texas) vor und taucht ebenso unter lichten Baumbeständen, an Straßenrändern und entlang im Sommer bisweilen austrocknender Fluss- und Bachläufe auf. Es ist somit nicht verwunderlich, dass die langlebige und anspruchslose Art zahlreiche Ökotypen hervorgebracht hat, die Basis für den heutigen Sortenreichtum sind. Pflanzen nördlicher und nordwestlicher Herkünfte lassen auch in kühleren Gegenden eine ansprechende Herbstfärbung erwarten. Die in der Regel grünlaubigen Varianten bleiben meist kleiner, blühen früher als Formen östlicher und südlicher Herkunftsgebiete, obwohl dort zeitiger hohe Temperaturen erreicht werden. Zu begründen ist dies durch die längere Vegetationszeit in den südlichen Regionen, die auch ein längeres vegetatives Wachstum und damit einen oft höheren Wuchs bedingt. Herkunftsbedingte Unterschiede zeigen sich gleichfalls in der Ausprägung von Blattspreiten und der Tönung des Laubs. Breitblättrige Varianten, die große Höhen erreichen, stammen in der Regel aus südlicheren Gefilden, wo sie an gut wasserversorgten Wuchsorten im Umfeld von Wasserläufen siedeln. Auch wenn diese im Sommer bisweilen trocken fallen, steht den Pflanzen unterirdisch noch genügend Wasser zur Verfügung, das sie mit ihrem weit ausgeprägten Wurzelwerk eschließen können. Ihre blaugraue Bereifung ist dann auch mehr als Schutz vor hoher Einstrahlung, denn als Verdunstungsschutz zu interpretieren. Diese Einschätzung wird durch die Beobachtung der Sichtungspflanzen im trocken-heißen Sommer 2015 gestützt: Sorten wie ‘Dallas Blues‘ oder ‘Cloud Nine‘ zeigten im Basisbereich frühzeitig trockene, gelb-braun verfärbte Blattspreiten, während früh rot färbende und grünlaubige Varianten Hitze und Trockenheit ohne zusätzliche Bewässerung weitgehend unbeeindruckt widerstanden.

Grünlaubige Sorten

Als erste Sorte tauchte ‘Strictum‘ in den Sortimenten deutscher Staudengärtnereien auf. Sie wurde 1950 in der Gärtnerei Foerster aufgrund ihrer beachtenswerten Standfestigkeit ausgelesen. Ihren immer noch ausgezeichneten Verwendungswert bewies die etablierte Variante über die gesamte Sichtungszeit hinweg. Wenn kein schwerer Pappschnee die Halme knickt, zeichnen die dann pergamentfarbenen Horste auch den Winter über schöne Bilder. Auf ihre goldgelbe Herbstfärbung in der zweiten Oktoberhälfte ist ohnehin Verlass, ebenso auf die zahlreichen zarten Blütenstände die nur wenig über die Blatthorste hinausragen. Die bisweilen angebotene Form ‘Strictum Compactum‘ lässt sich nicht von ‘Strictum‘ unterscheiden, so dass keine separate Bewertung der unter diesem Namen eingereichten Pflanzen erfolgte.

Ein markantes, nahezu unverwechselbares Wuchsbild zeigt ‘Northwind‘. Aufgrund ihrer straff aufwärtsgerichteten Halme und ebenfalls nach oben strebenden Blattspreiten betont die Sorte die Vertikale in einer Weise, wie dies sonst im Reich der Gräser nur selten zu beobachten ist. Die stumpf- bis graugrünen Blattspreiten präsentieren ab Anfang Oktober ansehnlich gelb. Da nicht alle Blätter gleichzeitig färben, sind anfänglich reizvolle gelb-grüne Zebramuster zu sehen, bevor die dichten Horste goldgelb erstrahlen. Von allen Formen erweist sich ‘Northwind‘ auch im Winter als die standfesteste, was ihren hervorragenden Verwendungswert unterstreicht.

‘Stäfa‘ ist die am frühesten und am reichsten blühende Form. Ihre zahlreichen Halme neigen sich bogig über, so dass die Pflanzen mit ihrem perückenartig erscheinenden Geflecht aus Blütenständen charakteristisch in Erscheinung treten, bisweilen jedoch nicht immer durch Standfestigkeit glänzen. Schon Ende September färben sich Halme und Blattspreiten gelb, so dass die dann trockenen beigefarbenen Horste bereits ab Mitte Oktober und damit allzu früh auf das nahende Ende des Gartenjahrs verweisen.

‘Warrior‘ ist eine locker aufgebaute Rutenhirse mit großen und lockeren Blütenrispen. Unter dem Sortennamen wurden zunächst jedoch Pflanzen zur Sichtung eingereicht, die später als ‘Squaw‘ identifiziert wurden. Da erst vor kurzem der richtig benannte Klon bezogen werden konnte, kann die abschließende Bewertung der Sorte erst später erfolgen. ‘Squaw‘ fällt durch äußerst attraktive, intensiv rötlich violette Blütenrispen ins Auge. Die Fähigkeit zur Bildung von Anthocyanen wird ein zweites Mal im Herbst ersichtlich, wenn die leider nicht ganz standfesten Horste mit einer orange- bis kupferroten Tönung des Laubs aufwarten. Diesbezüglich stellt ‘Squaw‘ den fließenden Übergang zu den Kupferhirsen dar, auch wenn sich der schöne Herbstaspekt aus unerfindlichen Gründen nicht an allen Standorten in gleicher Weise einstellt.

Kupferhirsen

Als erste Sorte mit früher und intensiv kupferroter Tönung der Blattspreiten wurde ‘Rotbraun‘ 1957 im Berggarten in Hannover ausgelesen. Eine Farbaufnahme von Pflanzen im Herbstgewand findet sich in Karl Foersters „Einzug der Gräser und Farne in die Gärten“ (6. Auflage von 1982). Hier wird dargelegt, dass die in der zweiten Jahreshälfte schön kupferfarben getönten Büsche den Pflanzen den treffenden Namen Kupferhirse einbrachten. ‘Rotbraun‘ ist jedoch zumindest im Westen Deutschlands weitgehend in Vergessenheit geraten, taucht aber beispielsweise in den Angebotslisten niederländischer, dänischer und polnischer Gärtnereien nach wie vor auf. In Deutschland indes hat sich der Name ‘Rehbraun’ durchgesetzt, der 1982 noch in Klammer hinter ‘Rotbraun‘ vermerkt wurde. Ob sich ‘Rehbraun‘ (oder ‘Rotbraun‘) jedoch noch echt im Handel findet, erscheint fraglich. Alle eingesandten Pflanzen ließen sich nicht sicher von ‘Rotstrahlbusch‘ unterscheiden. Diese 1968 von der Gärtnerei Foerster selektierte Sorte wird als weitere Steigerung hinsichtlich der Laubtönung gepriesen, deren schöne rotbraune Färbung bereits im Juni an den Blattspitzen beginnt. ‘Hänse Herms‘ wird ursprünglich als eine ebenso attraktive, doch schwächer wüchsige Auslese beschrieben. Sie kam um 1970 zunächst unter der Bezeichnung "Hänseatum" in Umlauf, bevor sie etwas später nomenklatorisch zulässig unter 'Hänse Herms' in den Katalogen auftaucht. Heute sind oftmals zwischen den angebotenen 'Rotstrahlbusch' und 'Hänse Herms' keine Unterschiede auszumachen, jedenfalls wurden von mehreren Staudengärtnereien unter den verschiedenen Bezeichnungen stets gleich aussehende Pflanzen geliefert. Da ‘Rotstrahlbusch‘ der ältere und aussagekräftigere Name der beiden Varianten ist, soll dieser beibehalten werden. Ungeachtet der nomenklatorischen Unsicherheit ist 'Rotstrahlbusch' aufgrund seiner zuverlässigen feurig-lodernden Herbstfärbung auch heute noch eine Augenweide in Pflanzungen. Flammend rotes Laub in sonnenbeschienenen Zonen und gelbe bis orangefarbene Blattspreiten im Inneren der Horste prägen das Bild der Pflanzen im Oktober. Die ähnliche und ebenfalls „ausgezeichnet“ bewertete Sorte ‘Shenandoah‘ ist im Sommer aufgrund der dunkleren und großflächigeren braunroten Tönung der Blätter sowie ihres etwas zögerlicheren Wuchses von ‘Rotstrahlbusch‘ zu unterscheiden. Die prächtige Herbstfärbung setzt etwas später ein. Sie ist dunkler und dadurch weniger leuchtkräftig als bei ‘Rotstrahlbusch‘. Da sich auch ‘Shenandoah‘ willig aussät, werden im Handel unter der Bezeichnung auch Sämlinge angeboten, die die typischen Eigenschaften der Originalpflanzen vermissen lassen.

Sorten mit blau getöntem Laub

Während Klassiker wie ‘Strictum‘ oder ‘Rotstrahlbusch‘ in Europa ausgelesen wurden und bereits seit etwa einem halben Jahrhundert in Rabatten oder in Freiflächenpflanzungen kultiviert werden, ist die Verwendung blau bereifter Rutenhirsen in Europa noch verhältnismäßig jung. Sieht man von 'Heavy Metal' ab, die bereits in den 1990er Jahren nach Europa eingeführt wurde, kamen die meisten Formen erst nach der letzten Jahrhundertwende aus den USA zu uns. Von den bisher gesichteten Sorten ist lediglich ‘Heiliger Hain‘ in Deutschland entstanden. Friedrich Camehl hat sie aus einer Sämlingspopulation von 'Heavy Metal' ausgelesen und 2001 in den Handel gebracht. 2002 wurde die Sorte von der Internationalen Staudenunion als hervorragende Neuheit ausgezeichnet. Mit ihren blaugrauen Halmen und Blattspreiten, die stets kupferrote Spitzen aufweisen, verkörperte sie zunächst einen gänzlich neuen Typus im Sortiment. Noch immer kann die schwach wachsende und gerne von Hasen und Mäusen gefressene Sorte als Bindeglied zwischen Kupferhirsen und neueren blaulaubigen Varianten betrachtet werden. Wie einige andere Sorten neigt auch ‘Heiliger Hain‘ zu reicher Selbstaussaat, so dass oft wüchsigere Sämlinge die ursprünglich gepflanzten Exemplare verdrängen.

Von den intensiv metallisch blau schimmernden Auslesen erwiesen sich mit `Dallas Blue´ und `Heavy Metal´ zwei Formen mit höchst unterschiedlichem Aussehen als die besten. Während die nur knapp eineinhalb Meter hoch werdenden, kompakten Horste von ‘Heavy Metal‘ schmale, nach oben gerichtete Blattspreiten hervorbringen, die den aufrechten Habitus der Pflanzen unterstreichen, hängen die deutlich größeren und auffällig breiten Blattspreiten der etwa zwei Meter hohen und ebenso breiten ‘Dallas Blues‘ locker über. Wenn man vermeiden will, dass Blätter in Trockenperioden vorzeitig trocken braun werden, sollten gerade die breitspreitigen blaulaubigen Sorten rechtzeitig gegossen werden. Dies gilt auch für `Cloud Nine´, die ebenso groß wird wie ‘Dallas Blue‘, jedoch schmalere und mehr nach oben gerichtete Blattspreiten besitzt. Sie hat ihren passenden Sortennamen aufgrund ihrer eleganten Rispen erhalten. Zahlreiche, breite, doch filigran gebaute Blüten- und Fruchtstände formen wahre Wolken über trichterförmigen Horsten. Im Gegensatz zu der äußerst standschwachen und deswegen als „entbehrlich“ eingestuften `Prairie Sky´ erweisen sich die geprüften Formen mit blau getöntem Laub über die Vegetationsperiode hinweg als gut standfest. Stärkere Schneefälle drücken jedoch gerade die Halme locker aufgebauter Horste so stark zu Boden, dass sich die erhofften ansehnlichen Winterbilder danach nicht mehr einstellen. Alle gesichteten blaulaubigen Sorten zeigen ein gelbes Herbstkolorit. Die Färbung der Blattspreiten setzt jedoch bisweilen so spät ein, dass sie oft nicht mehr vollständig ausgeprägt wird bevor die Horste trocken strohig werden.

Fortsetzung der Sichtung

Derzeit werden weitere Sorten vornehmlich aus der USA eingeführt und auch hierzulande nutzt man das breite genetische Potential, um aus Absaaten bestehender Sorten neue Formen zu selektieren. Ob die viel versprechenden und oft mit Vorschusslorbeeren bedachten Neuheiten tatsächlich weitere Verbesserungen im Sortiment erbringen, wird durch die Fortsetzung der Sichtung eruiert. Die Messlatte, die die besten der geprüften Sorten gelegt haben, ist hoch, sind diese doch ebenso schmuckvolle wie wüchsige, konkurrenzkräftige und langlebige Gartengräser, die nur wenig Pflege verlangen.

Boniturbogen

Für jedes Sichtungssortiment wird eigens festgelegt, welche Kriterien bewertet und wie diese bei der Endauswertung gewichtet werden. Den Bewertungsbogen zur Bewertung der Panicum-Formen finden Sie hier zum Herunterladen als pdf-Datei.

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